Exploratory Search

Forciert durch das Information Retrieval, der Informationswissenschaften und der HCI-Communities berühren die Autoren des Buches „Exploratory Search – Beyond the Query-Response Paradigm“ bewusst die gängigen Interaktionsparadigmen der Suchen und stellen deren globale Aussagekraft in Frage. Insbesondere mit Bezug auf die recht einfach gestalteten Suchinterfaces von Web-Suchmaschinen wie Google oder Yahoo.

Die Autoren White und Roth bieten einen sehr guten Überblick über die verschiedenen und viel komplexeren Strategien bei der Suche und räumen zudem mit dem – recht einfachen und schematischen – Modell des Suchprozesses endlich auf, der klassisch als Blackbox dargestellt ist.

Die meisten Suchen, die von den Nutzern durchgeführt werden, sind motiviert durch

  • eine komplexe Fragestellung,
  • einem wenig ausgeprägten Verständnis der benötigten Terminologie und
  • einem fehlenden Wissen um die Strukturierung des Informationsraumes, in dem sie sich gerade befinden.

Ausgehend von diesem Wissen zeigen White und Roth auf, dass die Gestaltung einer guten Usability und User Experience für eine Suche sehr komplex ist. Der Erfolg einer Informationssuche definiert sich immer auch von der kognitiven Repräsentation (das vorliegende mentale Modell) der Features einer Suche. Deren Gestaltung wiederum wird beeinflusst von dem konzeptionellen Modell, welches die Designer der Suche durch das Interface und das Informationsdesign ausdrücken.

Das spiegelt auch meine Erfahrung wider. Die detaillierte Auswertung von Suchlogs, z. B. die einer Web-Suche, zeigen die Vielfalt und Komplexität der Fragestellungen auf. Dementsprechend müssen die Interfaces so gestaltet werden, dass sie den Suchenden unterstützen, aber nicht überfordern.

Es ist eine Gratwanderung des Interfaces zwischen

  • Überfrachtung mit Features, die wenig verwendet und verstanden werden,
  • oder Klarheit der Interfaces, aber dadurch fehlende Hilfestellung durch nützliche Features bei der Suche.

Worin unterscheidet sich eine „explorative Suche“ von einer „normalen Suche“?

Es geht hier nicht nur um die Aktion der Suche selbst, also die Eingabe der Suchterme und Auswählen des passenden Ergebnisses, sondern auch um die kognitiven Prozesse seitens Suchender während der Suche.

Eine explorative Suche enthält im Gegensatz zur normalen, überwiegend komplexe kognitive Aktivitäten, die zusammenhängen z. B. mit der Lernen von neuem Wissen und die Weiterentwicklung von intellektuellen Fähigkeiten. Also stehen als Vorraussetzung für eine explorative Suche Aktivitäten, wie das Lernen, die Entwicklung von neuen Fähigkeiten, Werten, Verständnis und Präferenzen.

Ein anderes interessantes Merkmal ist, dass die explorativen Suchanfragen über einen längeren Zeitraum gehen können, d. h. über mehrere Tage oder Wochen. Innerhalb dieser Zeit wird auch die Suchstrategie mehrmals gewechselt und weitere Personen zum Austausch mit einbezogen. D. h. auch wenn die Suchanfrage spontan entsteht, kann sie sich über einen längeren Zeitraum hinziehen.

Wie unterstützen Suchmaschinenanbieter komplexe Suchen?

Suchmaschinenanbieter integrieren verstärkt in ihren Such-Interface die Rolle des Suchers mit seinem Kontext innerhalb des Suchprozesses, z. B. durch postsearch Features. Sie sollen den Suchenden in seiner Informationsrecherche unterstützen, wenn seine Suche einen komplexeren (explorativen) Charakter aufweist.

Schon jetzt geben Suchen bei komplexeren Suchanfragen dem Nutzer Unterstützung z. B. durch Relevance Feedback, Visualisierung der Informationen, Suchwort Suggestions, oder Features wie Suchhistorie und Merkzettel. Wobei der Einsatz dieser Features abhängig ist von dem Informationsraum.

Ob diese Features auch von der großen Masse der Nutzer verstanden werden ist nochmals eine andere Sache.

Was macht dieses Buch lesenswert?

Die Autoren White und Roth zeigen nicht nur den grundlegenden Konflikt zwischen komplexen Suchanfragen und das Auffinden der relevanten Ergebnisse in Informationsräumen über das im Markt gängige Modell des Suchinterface auf. In den Kapitel beschäftigen sie sich zudem mit den verschiedenen Ansätzen der Suchprozesse, verweißen auf die etablierten in Relation stehenden Prozesse, wie Berrypicking, Sens-Making, Cognitive Information Retrieval etc. und differenzieren die etablierten Ansätze zur exploratory Search. Das Verständnis der verschiedenen Modelle ist wichtig zur Gestaltung der optimalen Suche-Features.

Lösungsansätze, die eine explorative Suche unterstützen, werden anhand bestehender Interfaces und Features gezeigt und besprochen. Vor allem sei zu erwähnen, dass das Buch sehr schön die Komplexität des Suchprozesses und die Verhaltensweise der Suchenden aufzeigt. Mit Sicherheit ist dies auch nicht das letzte Buch zu diesem Themengebiet, aber Richtunggebend.

Das Buch:

Exploratory Search – Beyond the Query-Response Paradigm, Synthesis Lectures on Information Concepts, Retrieval & Services, von Ryen White und Resa Roth, Morgan and Claypool Publishers (2. März 2009)                  -> Es ist ein sehr gutes Grundlagenbuch, setzt jedoch zumindest grobe Kenntnisse des Suchprozesses und der wichtigsten Ansätze hierzu voraus.

Siehe auch:


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